Warum überhaupt 125er?

Zunächst einmal wird man sich fragen, warum "nur" 125ccm und nicht gleich 250 oder größer? Nun, ich habe nur den "kleinen" Motorrad-Führerschein bis 125ccm und 11 kW. Als ich im Jahr 1992 mit 16 Jahren den damaligen "Moped"-Führerschein der Klasse 1b gemacht hatte, durfte ich Zweiräder zunächst nur bis 80ccm fahren. Später wurde diese Klasse bis 125ccm und 11 kW erhöht. Zwei Jahre später folgte dann der Auto-Führerschein, und ich  verlor erst einmal das Interesse an Zweirädern. Ich plante zwar, mir irgendwann mal eine moderne 125er zu kaufen, aber dazu kam es zunächst nicht. Auch wollte ich den "großen" Motorrad-Führerschein nicht machen, aus wie schon genannten mangelnden Interesse und auch der Einsicht, daß ich wohl mit dem Leistungsgewicht einer Ninja oder anderen großen Motorrädern auf dumme Gedanken kommen könnte... man wird halt schnell sehr leichtsinnig mit solchen Boliden und ich hatte auch von vielen schweren, zum Teil tödlichen Unfällen im Bekanntenkreis gehört. Mit der 125er überlegt man es sich dreimal, ob man einen LKW überholt oder lieber ruhig im Windschatten hinterherfährt... und mit der ES schafft man den LKW auch gar nicht ;-). Nichtsdestotrotz hatte ich aber auch schon einen (unverschuldeten) Unfall mit der ES, dazu aber später mehr...

Warum gerade MZ ES 125?

Ich bin gelernter Maurer, und wir hatten im Jahr 2006 eine Baustelle auf einem Bauernhof in einem kleinen Dorf in Sachsen-Anhalt. In der dortigen Scheune stand in einer Ecke eine total verstaubte, noch mit altem DDR-Nummernschild versehene MZ ES 150 in den originalen blau/weißen Farben. Aber es war schon eine "Trophy", also ohne Linierung. Da war es um mich geschehen... ich stellte mir vor, wie schön es wäre dieses alte Motorrad wieder zum Leben zu erwecken. Nun kannte ich natürlich schon die MZ ES aus DDR-Zeiten, und mir gefiel es eigentlich schon immer. Sie ist unverwechselbar... Diese unkonventionelle Bauweise, die sie von anderen Motorrädern abhebt, mit der starren Lampenkonstruktion und deren fließender Verbindung zum Tank, dem großen Vorderrad- Schutzblech und dem schönen Blechpräge-Lenker, unter denen sich die Bowdenzüge super verstecken ließen. Bei den späteren ETS, TS und ETZ liegen diese frei, was mir nicht so gefällt. Insgesamt wirkt dieses Motorrad sehr aufgeräumt, proportional ausgewogen und gut durchdacht. Auch der Federungskomfort durch die Vollschwinge vorn und hinten suchte seiner Zeit ihresgleichen. Natürlich wirkt die ES nicht so sportlich wie andere MZ-Modelle, aber gerade das ist es, was mir gefällt und vom Fahrkomfort her finde ich sie sogar überlegen. 

Wie kam ich zur ES?

Nun war diese alte, in der Scheune stehende ES ja eine 150er... selbst wenn der Besitzer sie verkaufen wollte, durfte ich sie nicht fahren. Ich wußte zudem damals nicht, daß es auch 125er Modelle von MZ hauptsächlich für den Export gab. Zu DDR-Zeiten sah man ja nur 150er und 250er auf den Straßen. Als ich mich mal näher mit MZ beschäftigte wurde mir klar, daß auch 125er gebaut wurden. Das war meine Chance... ich suchte in den gängigen Anzeigen nach einer ES 125 und wurde fündig. Damals waren ja auch noch die Preise nicht so horrend wie heute, sie war sogar recht günstig. Die anvisierte ES war aber in einem schlechten Zustand, und zudem noch mit einer blauen, metalliclackartigen Farbe mehr oder weniger "gestrichen". Aber sie lief, war angemeldet und hatte demnach auch Papiere. Und da ich sie sowieso restaurieren wollte, war mir der Zustand erst einmal egal. Ich wollte sie im originalen, blau / weißen bzw. beigen Lack von 1968 mit Linierung wieder erstrahlen lassen. 

Also wurde sie komplett zerlegt, und im möglichst originalem Zustand neu aufgebaut. Auch der Motor wurde regeneriert. Nun bin ich aber gelernter Maurer... für derartige Arbeiten mit kleinen Schrauben, Feinmechanik, Kabel und Elektrik eher ungeeignet ;-). Deswegen gebürt großen Dank meinem Vater, der als gelernter Maschinen-Schlosser fast alle Arbeiten übernahm und der kleinen ES neues Leben einhauchte. 

Der Unfall...

Seit 2007 war ich nun mit diesem kleinen Oldtimer-Motorrad bei schönem Wetter auf den Straßen unterwegs, erntete viele leuchtende Augen und nette Gespräche mit wildfremden Leuten, die in früherer Zeit auch ein solches Motorrad gefahren haben. Ich unternahm auch längere Tages-Touren z.B. nach den Seelower Höhen, in den Spreewald oder zur Augustusburg bzw. anschließend noch zu ihrer Geburtsstätte nach Zschopau. 

Aber dann kam es einen schönen Tages so, wie es wohl im Motorradfahrer-Leben mal kommen muß: an einem sonnigen, warmen Julitag 2012 war ich mit der ES auf dem Heimweg, als mich ein aus einer Tankstelle kommender Autofahrer übersah und es zum Zusammenstoß kam. Leider konnte ich nicht mehr reagieren, weil er ungefähr 10m bevor ich heran war, aus der Ausfahrt herausfuhr. In dieser Zone waren 70 erlaubt, die ich auch fuhr. So bin ich ungebremst in ihn hineingefahren, flog übers Auto und landete unsanft auf der Straße. Das Ergebnis war eine starke, schmerzhafte Schulterprellung, ein sehr schmerzhafter Sehnenanriß in der Schulter, und ein unbemerkter Gelenkbruch der linken Hand. Der Schmerz des Sehnenanrisses war nur mit stärksten Schmerzmittel, die es frei verkäuflich gibt, einigermaßen zu ertragen. So verbrachte ich eine Woche im Krankenhaus, und danach noch ein halbes Jahr zuhause mit Reha und Physio etc. Anschließend etwa noch ein halbes Jahr stundenweise Wiedereingliederung auf Arbeit. 

Die ES war natürlich hinüber, aber der Motor lief noch. Der Wiederaufbau war natürlich keine Frage. Diesmal aber wurde, nicht wie bei der ersten ES, ein weißer Lack verwendet, sondern der original beige. Anstelle des runden Tacho wurde nun ein Segment-Tacho eingebaut... er paßt zwar nicht zum ´68er Baujahr, aber ich finde ihn schöner. Die Tanklinierung wurde nicht schwarz, sondern in hellblau ausgeführt. Und es wurde in dem Zuge eine Vape verbaut, um die doch manchmal auftretenden Zünd- und Startprobleme zu beenden. Es ist zwar nur eine 6V-Anlage, aber ich wollte das originale 6V-Licht der ES erhalten. Meiner Meinung nach paßt das helle 12V-Licht nicht zu solchen alten Fahrzeugen, obwohl es natürlich die Sicherheit im Verkehr erhöht. Aber wann fahre ich schon mal in der Dunkelheit, fast nie... und als Tagfahrlicht ist die 6V-Anlage allemal ausreichend. Nur die schwachen Blinker sieht man bei Sonnenlicht sehr schlecht... da empfiehlt es sich, beim Abbiegen zusätzlich noch die Hand herauszuhalten. 

Seit 2013 bin ich nun wieder mit der neu aufgebauten ES unterwegs und ich genieße es wie am ersten Tag... :-)

Wie fährt sie sich?

Die ES verfügt noch über einen Kaltstarter - den Choke. Den muß man im kalten Zustand des Motors öffnen, bevor man die Maschine ankickt. Es empfiehlt sich vor dem Kaltstart, erst einmal ohne eingeschalteter Zündung, aber mit bereits geöffneten Benzinhahn ein paar Mal durchzutreten. Dadurch springt sie besser an. Sofort nach dem Anspringen wird der Choke wieder geschlossen. Wenn man die ES nicht gewohnt ist, verhält sie sich durch den kleinen, schmalen Lenker und der relativ schweren Vorderrad-Schwinge etwas flattrig. Die Kurvenlage ist aber gut und sicher. Man muß beherzt hoch und auch runter schalten, sonst erwischt man leicht einen der Leerläufe. 

Die ES im Stand laufend... leider gibt das Handy-Mikrofon den satten Sound nicht so ganz wieder.

Für so eine kleine Maschine ist der 2-Takt-Klang recht markant und im Stand schön dumpf.  Auffallend sind die starken Vibrationen durch die starre Motoraufhängung direkt am Rahmen. Dadurch übertragen sich natürlich die 2-Takt-typischen Vibrationen 1 zu 1 auf das Fahrgestell. Bei niederen Drehzahlen halten sie sich in Grenzen, aber je höher man dreht, umso stärker werden auch die Vibrationen. Das kann soweit gehen, daß einem nach längerer Tour die rechte Hand ganz schön kribbelt. Auch abvibrierte Kabelanschlüsse hatte ich schon. 

Die Höchstgeschwindigkeit liegt bei etwa 90 km/h bei gerader Strecke und ohne Gegenwind. Aber das ist mit so starken Vibrationen verbunden, daß es sich nicht gut und gesund anfühlt. Die Wohlfühl-Geschwindigkeit der kleinen 125er ES liegt meiner Meinung nach bei etwa 70-75 km/h. Das merkt man auch dem Motor an, da läuft er schön rund und die Drehzahlen hören sich gesund an. Beim Runterschalten sollte man, bevor man wieder die Kupplung kommen läßt, einen kurzen Zwischengasstoß geben. Denn sonst schlägt der Motor hörbar nach. 

Die Bremsen... naja ich sag mal so, für den Stand der 60er Jahre waren sie wahrscheinlich noch ganz ok. Heute sind sie natürlich nicht mehr zeitgemäß... aber wenn man vorausschauend fährt, und auch beide Bremsen benutzt, reichen sie schon noch aus, um die Maschine rechtzeitig zum Stehen zu bringen. Man fährt ja mit der ES auch nicht allzu schnell...

Für längere Touren ist die kleine ES meiner Meinung nach nur bedingt geeignet, vor allem wenn man wie ich zu den größeren Personen zählt. Durch den flachen Lenker sitzt man halt ziemlich gebückt, und nach etwa 50km beginnen die Schultern zu schmerzen, vom Hintern ganz zu schweigen. Wenn man größere Touren plant, solllte man auf jeden Fall auch mehrere längere Pausen einplanen. Es gibt zwar auch den hohen Lenker für die ES ähnlich der TS, was natürlich zu einer besseren und angenehmeren Sitzposition führt, aber dieser verunstaltet das Gesamtbild der ES so dermaßen, daß ich lieber den Schmerz der Schulter vorziehe als den der Augen ;-). 

Hier mal eine kleine Tour mit der ES. Es ist nur mit dem Handy gefilmt, leider gibt es dadurch Verwackelungen. Um Windgeräusche ein wenig zu dezimieren, wurde ein externes Mikrofon in der Nähe des Auspuffs angebracht. Sie klingt daher etwas blechern... aber ich hoffe es gibt trotz der Wackelei eine kleine Vorstellung davon wie es ist, einen nun fast 60jährigen 2-Takt-Oldtimer zu fahren. Vollgas wird der alten Dame aber nicht mehr angetan. Die angestrebte Geschwindigkeit von 70-75 km/h wird auch locker mit Halbgas erreicht. Der Tacho geht übrigens laut GPS 10 km/h vor... 


Fotos der ersten ES von 2007 - 2012



Fotos der zweiten ES von 2013 - ...

Erstellen Sie Ihre Webseite gratis! Diese Website wurde mit Webnode erstellt. Erstellen Sie Ihre eigene Seite noch heute kostenfrei! Los geht´s